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Waldenserkirche Neureut


Waldenserkirche Neureut

Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, zumeist Hugenotten, die über die Schweiz per Schiff auf dem Rhein nach Daxlanden und Knielingen gekommen waren, durften sich 1699 auf Veranlassung des Markgrafen Friedrich Magnus auf verwildertem Gelände im Süden des nach den Kriegsereignissen des 17. Jahrhunderts nahezu entvölkerten Dorfes Neureut niederlassen. Da sie sehr arm waren, konnten sie sich zunächst nur ein barackenähnliches Gebäude für den Gottesdienst erbauen. Den Pfarrdienst übernahmen seit dieser Zeit aus Basel geschickte reformierte Geistliche, als erster Daniel Lautier, nach dem am Friedhof Neureut-Süd ein Weg benannt ist. Obwohl selbst keine Waldenser, schlossen sich die Welschneureuter Hugenotten 1703 der Synode der württembergischen Waldensergemeinden an und errichteten 1720 eine einfache Holzkirche. In den Anfangsjahren der Gemeinde Welschneureut kamen nach den Aufzeichnungen im Kirchenbuch auch einige Ehepaare für ihre Hochzeit und zur Taufe ihrer Kinder aus dem ebenfalls von französischen Glaubensflüchtlingen gegründeten Friedrichstal in das neue Dorf, bis sie in ihrer Heimatgemeinde 1726 selbst eine einfache Kirche aus Fachwerk bauen konnten.

1749 legte Baumeister Johann Heinrich Arnold Pläne für ein neues Gotteshaus in Welschneureut vor, das 1751 errichtet wurde und nach mehreren Aus- und Umbauten bis zu seiner Zerstörung durch einen Luftangriff im Zweiten Weltkrieg bestand. Über der Fassade zur Neureuter Hauptstraße der kleinen Saalkirche war nur ein Dachreiter für die Kirchenglocke angebracht worden, der noch von der alten Kirche von 1720 stammte. Sie fasste zunächst nur 300 Personen, da im hinteren Teil die zweistöckige Pfarrwohnung untergebracht worden war. Nach der Erbauung eines eigenen Pfarrhauses Ende des 19. Jahrhunderts konnte die Kirche auf 500 Sitzplätze erweitert werden.

Die heutige Kirche wurde nach Plänen des evangelischen Kirchengemeindeamts bis 1950 wieder aufgebaut. Dazu verwendete man die Außenmauern der zerstörten alten Kirche, setzte aber der Giebelseite einen 25 Meter hohen Kirchturm vor, der in seiner Gestaltung mit seinen Fensterformen und den hohen Arkaden im Glockengeschoss an den Klassizismus Friedrich Weinbrenners erinnert und ein Gegengewicht zur monumentalen Nordkirche bilden soll. Im Inneren wurde die Waldenserkirche mit einer Holzdecke und einer hölzernen Empore für die Orgel ausgestattet. Die Glasfenster wurden von der Kunstglaserei Großkopf gestaltet. Im Turm erinnern sie an die Vereinigung der lutherischen mit der reformierten Kirche 1821. Außerdem ist dort eine Inschrift aus der alten Kirche zu sehen: "Bien heureux sont ceux, qui oyent la parole de Dieu et la gardent" (Lk 11,28: Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren). Schlusssteine mit der Lutherrose und dem Hugenottenkreuz zieren die beiden Eingänge am Turm. Nach der Einweihung der neuen Kirche wurden 1952 drei Stahlglocken in der Glockenstube und eine Turmuhr mit Schlagwerk angebracht.

1983 wurde hinter dem Chorbogen und dem mit einem Kreuz nur schlicht ausgestatteten Altarraum der Kirche ein neues Gemeindehaus für Chorproben und andere Veranstaltungen angebaut. Die Wand hinter dem Altar lässt sich nun verschieben, so dass bei Bedarf an hohen Festtagen noch einmal 100 Gläubige mehr in der Kirche Platz finden. Das Glasfenster über der Trennwand entwarf der Künstler Reinhard Dunke. Es veranschaulicht das Motto der Waldenser: "Lux lucet in tenebris" (Das Licht leuchtet in der Finsternis). Zum 300jährigen Bestehen von Welschneureut 1999 wurden die Kirche sowie ihre Orgel umfassend renoviert und ein Findling mit einer Gedenktafel zur Ortsgeschichte auf dem Südfriedhof aufgestellt. Heute gehört die Waldenserpfarrei der evangelischen Kirchengemeinde Neureut an. 2012 konnten die drei Stahlglocken durch vier neue hochwertige Bronzeglocken der Glockengießerei Bachert ersetzt werden.

Seit Herbst 2025 hält zudem die Christ Gospel City Church, eine freikirchliche Pfingstgemeinde, ihre Gottesdienste in der Waldenserkirche ab. Außerdem finden zu besonderen Anlässen Konzerte etwa des evangelischen Kirchenchors in der Kirche statt.

Peter Pretsch 2026

Quellen

Wilhelm Meinzer: Welschneureut, in: Website der Deutschen Waldenservereinigung e. V., https://www.waldenser.de/welschneureut; Badische Neueste Nachrichten (BNN) vom 24. Oktober 2025; Website der evangelischen Kirchengemeinde Neureut mit ihren Standorten; https://www.evangelisch-neureut.de/ueber-uns/standorte--chronik (Zugriff jeweils am 4. März 2026).

Literatur

Wolfgang H. Collum: Hugenotten in Baden-Durlach, in: Badische Heimat 54 (1974), S. 409-450; Hermann Ehmer u. a.: Geschichte von Neureut, Karlsruhe 1983; 300 Jahre Welschneureut, Festschrift zum Jubiläum, Redaktion Hans Crocoll, Karlsruhe 1999; Jürgen Krüger u. a.: Kirchen in Karlsruhe und die Synagoge, Ubstadt-Weiher 2015, S. 133-135.